Weltschmerz tanzt radikal

Da ist diese latente Aggression in meinem Unterton, die beißt und kratzt und spuckt, die wie ein Monster knurrt und drohend ihre Zähne zeigt. Wenn sie flucht, erstarren die Hasen, wenn sie wächst, verwandelt sie sich.

„The bitch is back“, singt der mit der Brille, der das bevorstehende Spektakel erahnt und euphorisch in die Tasten des Klaviers haut. Denn die Aggression hat ihren Deckmantel der Latenz abgelegt und setzt sich nun genüsslich in Szene. Bedrohlich tanzt sie in Fummel und Federboa durch die Reihen, bezirzt die Schönen und die Reichen, berührt sie sanft an der Schulter, um sie danach – ganz Dramaqueen – mit voller Wucht ins Abseits zu schubsen.

Die Aggression, sie rechnet ab. Leichtfüßig umtänzelt sie die Unmenschlichkeit, legt ihr die Boa um den Hals und zieht geschmeidig zu. Sie schmiegt sich an die Gier, lässt sich kurz die Profite in den prall gefüllten Taschen ihrer dicken Hosen zeigen, um diese gleich darauf mit Schwung herunterzuziehen. Zurück bleiben nackte Kapitalisten, hosenlos, die ab sofort von ihren Wohlstandsbäuchen leben müssen. Der Rest wird verteilt.

Die Diva hat noch lange nicht genug. Sie bittet die soziale Ungerechtigkeit zum Tanz, tritt ihr so lange auf die Füße, bis diese mit schmerzverzerrtem Gesicht aufgibt. Ganz nebenbei, beinahe unbemerkt, verpasst das wütende Biest der Macht einen Kinnhaken, der die einstige Gigantin zu Boden gehen lässt. Ihr Bruder, das Patriarchat, wird mit einem gekonnten Schlag in die Magengrube zum Schweigen gebracht. Wie ein Orkan zischt die Aggression zur Lüge, durchwühlt ihr die glatt geföhnten Haare und fordert die Herausgabe der Gleichgültigkeit, der Bequemlichkeit und des längeren Hebels.

Mit offenen Mündern starren der Hass und sein alter Freund Krieg auf die Tanzfläche, wie gelähmt, unfähig sich zu rühren. Vielleicht warten sie auf den erlösenden Befehl. Die Aggression – ach, nennen wir sie einfach radikalen Weltschmerz – gesellt sich zu den beiden steifen Herren, verteilt mit einem süßen Lächeln giftige Kanapees und wünscht einen guten Appetit.

Am Rande steht die Moral, kopfschüttelnd und doch amüsiert. „Gleiches mit Gleichem?“, lacht sie, während das schlechte Gewissen doch ein wenig gequält durch die Gegend schaut. Als die Moral der vor Zorn funkelnden Schönheit zuwinkt und auf die Schnepfe Sexismus, die drei hässlichen Cousins Rassismus, Nationalismus und Rechtsextremismus, auf den arroganten Speziesismus – der an diesem Abend extra seinen goldenen Paillettenanzug trägt, um seinen Konkurrenten, den irren Größenwahn, auszustechen – als die Moral also auf diese und all die anderen dummdreisten Ismen und Dogmen zeigt, entgleiten dem sensiblen Schuldgefühl vollends die Gesichtszüge. „Ja, willst du denn das ganze Elend noch einmal durchleben?“, fragt die Moral. Da schüttelt das Gewissen vehement seinen krausen Kopf, in dem mehr Flausen wohnen, als es selbst weiß.

Es ist zunächst nur ein Wippen mit dem Fuß, dann ein verwegener Hüftschwung, der den radikalen Weltschmerz aufmerksam werden lässt. Unschuldig blickt das Gewissen, befreit von aller Schlechtigkeit, der wilden Furie in die Augen, als es ihre Hand ergreift und sie im Kreis dreht. Immer und immer wieder. Aus Wut wird Schwindel wird Gelassenheit wird Glück.

Die Musik wechselt von schwarz zu blau, während die Federboa der Diva auf den Boden gleitet. Glitzer und Glamour verlieren sich im Raum. Ein Grund mehr für das Gewissen, die Tänzerin in seinem Arm ganz nah an sich heranzuziehen. Erschöpft lässt sie gewähren, legt den Kopf auf die Schulter des Gewissens und tanzt einen langsamen Blues.

Das Drama sackt in sich zusammen und atmet tief durch.

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