Die Nacht mit Beppo Kohlmann

Auf Partys stehe ich immer im Weg. Ich besitze das große Talent, mich konsequent in der Flugschneise zur Bar aufzuhalten. Da ich als Fels in der Brandung nicht tauge, sondern mich eher wie eine Flipperkugel nach Abschuss durch den Raum bewege, lasse ich mich gern durch die Gegend schleudern. Durstige Menschen mit wenig Geduld haben es nicht leicht mit mir, tickern mich mit einem entschlossenen Schubs zur Seite, damit ich mit Schwung auf den nächstbesten Tänzer pralle. Eine gewisse Eigendynamik setzt den Impuls zur ruckartigen Rückwärtsbewegung, so dass ich justament meiner Hinterfrau auf die zart beschuhten Füße trete. Waren die durstigen Menschen schnell genug, stehen sie längst an der Bar. Waren sie es nicht, versuchen sie es erneut, an mir vorbei zu kommen. Das Spiel wiederholt sich einige Male, bis auch ich endlich bemerke, dass ich mich genauso gut aus der Gefahrenzone begeben könnte. Ich stehe sowieso lieber im Abseits. Am Rand. Ich schätze es, den Überblick zu behalten. Als Flipperkugel ist das nur bedingt möglich und führt schnell zur Reizüberflutung. Da lob ich mir die Metaebene im tumultigen Geschehen.

Beim Tanzen ergeht es mir ähnlich. Am schönsten tanzt es sich außen. Wozu die Drängelei im Moshpit, wenn es am Rand entspannter geht. Obwohl ich auch hier gut als Flipperkugel zu gebrauchen bin. Meine Freundin sagt, ich tanze schwuppig. Meine Bekannte sagt, sie könne mir noch was beibringen. Schätzchen, ja, ich bewege mich halt, was soll ich machen? Ich kann nicht anders. Meine Mutter war Twistkönigin in der einzigen Kneipe ihres Dorfes. Sowas prägt. Sich mit dem Arsch rhythmisch Richtung Tanzfläche schrauben, die Knie im spitzen Winkel und die Hände weit vom Körper gespreizt, geht immer. Selbst wenn der DJ Elektro auflegt. Twist geht sogar zu Hardcore. Doch an diesem Abend spielt die lebende Musikbox gern funkiges Zeug. Da passt es allemal.

Beppo Kohlmann ist auch da.

Der Abend ist schon nicht mehr jung, fühlt sich aber immer noch gut an. Überall Menschen, die ich irgendwie kenne, aber irgendwie auch nicht. Ein Hallo hier, ein Hallo da. Mehr weiß ich auf Partys oft nicht zu sagen. Manchmal rutscht mir noch ein gefälliges „Na, geht’s gut?“ heraus. Das war’s dann aber auch. Schließlich hat man den einen oder die andere zwei, drei Jahre nicht gesehen, wo soll man da anknüpfen? „Und? Bist du noch mit Dingsbums zusammen?“, ist dann so ad hoc doch zu vertraulich. „Was macht die Arbeit?“, erscheint mir zu unpersönlich. „Wie geht’s dem Hund?“, kommt so aus dem Nichts. Zumal mir die verdammten Namen all der Menschen, die ich irgendwie kenne, aber irgendwie auch nicht, nicht mehr einfallen. „Geht mir genauso“, erzählt mir Dings, die ich wirklich sympathisch finde, deren Name mir aber partout nicht mehr in den Sinn kommen will. Sie hat sich gerade an der Bar vorgedrängelt und sich mit ihrem schönsten Lächeln bei mir entschuldigt. Ich verzeihe ihr umgehend und lächle zurück. „Ich arbeite ja im Café und wenn ich Leute treffe, denke ich nur: ‚Ah, da kommt Zwei Capuccino zusammen mit der Russischen Zupftorte und dem doppelten Espresso.‘ Und vorhin habe ich mal wieder das Extraheiße Käsetoast mit  ’ner Rhabarberschorle getroffen. Die Namen bleiben Schall und Rauch.“ „Naja, so kann man auch ins Gespräch kommen“, sage ich etwas unbeholfen, weil mir nichts Schlaueres einfällt. Aber es fällt mir ohnehin schwer, auf Partys schlagfertig zu sein.

Als ich auf Beppo Kohlmann treffe, bin ich überrascht. Beppo Kohlmann hatte ich auf dieser Party nicht erwartet, aber ich bin ehrlich erfreut. Er auch. Wir nehmen uns in den Arm. Viel länger als ich sonst irgendjemanden zur Begrüßung gedrückt habe. Ich glaube, darüber sind wir beide ziemlich erstaunt. Wahrscheinlich hätten wir noch eine ganze Weile so dastehen können, ohne dass es für uns komisch gewesen wäre. Dabei kenne ich Beppo Kohlmann kaum, habe aber seinen Namen parat und kann ihn in den Arm nehmen, als wären wir mächtig dicke. Ich frage ihn noch irgendetwas zu den Bauarbeiten an seinem Haus, von denen ich zufällig gehört habe. Das war’s dann auch schon. Smalltalk nimmt bei mir gern leicht groteske Formen an.

Ich bin keine Entertainerin. … So, jetzt ist es raus. Ich kann keinen Smalltalk auf Partys. Ich schare keine Menschen um mich herum und unterhalte sie mit amüsanten Geschichten. Meine Freundin kann das. Ich muss das neidlos anerkennen. Meine Freundin performt Geschichten. Mit vollem Körpereinsatz bringt sie den Inhalt verbal auf den Punkt. Sie gestikuliert, sie lässt ihre Mimik spielen, nicht selten springt sie auf, um eine Szene nachzuspielen. Die Leute liegen ihr zu Füßen vor Lachen. Ich dagegen versaue jeden Witz, ziehe Pointen dermaßen in die Länge, dass sich die wenigen Zuhörer nur mühsam ein Gähnen verkneifen können. Wenn sich die ersten aus dem Gespräch zurückziehen, rette ich mich zur Tanzfläche. Und das ist kein Understatement, kein Fishing for Compliments, es liegt mir einfach nicht zu unterhalten. Ich bin weder schlagfertig noch besonders witzig. Ich kann gut zuhören. Verstehen. Nachfragen. Mitfühlen. Ich besitze mehr Spiegelneuronen, als mir gut tut. Auch ein schönes Talent, aber kein partytaugliches. Ich bin notorisch authentisch. Wenn mir nichts einfällt, das ich erzählen könnte, fällt mir nichts ein. Kann man nichts machen. Wenn ich an was Lustiges denke, muss ich lachen, scheißegal, ob das mein Nebentänzer versteht oder nicht. Und wenn ich heulen muss, heule ich. Ich habe wohl schon so manchen Barkeeper hinterm Tresen verschreckt mit meinen ungewollt emotionalen Attacken. Aber gut, manche lernt man auf diese Weise auch näher kennen. Und das kann dann ganz witzig werden. Meine Freundin hat sich inzwischen an diesen grenzenlosen Kontrollverlust gewöhnt. Das rechne ich ihr hoch an.

Beppo Kohlmann steht an der Tanzfläche und wippt im Takt mit der Bierflasche in der Hand. Keine Ahnung, ob er performen kann.

Irgendwer tippt mir auf die Schulter. Ich drehe mich um. „Sag mal, bist du die Ex-Freundin von Dingens? Wir fragen uns die ganze Zeit, ob du es bist oder nicht.“ Ich schaue in die neugierigen Gesichter einer illustren Männerrunde. „Äh, ja“, antworte ich. „Hast du nicht Dingens verlassen wegen einer Frau?“ Da ist sie wieder, die notorische Authentizität, denn ich erwidere grundehrlich und naiv: „Äh, ja?“ Der Typ vor mir freut sich und nickt seinen Jungs zu. „Bist du verheiratet?“, will er noch wissen. „Äh, wer bist du?“, frage ich nun zurück, nachdem ich aus dem Authentizitätskoma erwacht bin. Warum stellen andere Menschen auf Partys ungeniert vertrauliche Fragen, während ich sie mir aus Gründen des Respekts strikt verbiete? „Alte Doko-Runde von Dingens“, sagt er, grinst und geht.

Also nochmal, ich möchte auf Partys nicht reden. Lasst mich einfach nur tanzen. Wenn die Musik wummert und ich als Flipperkugel durch die Menschenmenge schlingere, sind meine Synapsen ohnehin schon bis zum Anschlag belastet. Dinge, die ins Ohr gebrüllt werden, verstehe ich grundsätzlich nicht. Lasst euch nicht von meinem grenzdebilen Lächeln und eifrigen Kopfnicken in die Irre führen. Ich möchte nur freundlich sein. Von Herzausschüttereien und tiefgehenden Analysen der menschlichen Psyche lasse ich mich kurzzeitig begeistern und mit einem Bier in die dunkle Nacht entführen. Selbst Pingpong würde ich spielen. Aber mehr geht wirklich nicht.

Meine Freundin ist fertig mit dem Entertainment und nun zum Tanzen übergegangen. Draußen dämmert es bereits. Konsequente Nichttänzer sind ihrem Prinzip treu geblieben, während die letzten Diskoenthusiasten in Ekstase die letzten Zentimeter ihres T-Shirts nass schwitzen. Beppo Kohlmann ist bereits gegangen, im Schlepptau eine langhaarige Schönheit.

„Was für eine reizende Nacht! So dufte! Ganz toll! Ein schöner Abend!“, schwärmt meine Freundin. „Genau“, sage ich und nehme sie sehr lange in den Arm.

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