Rebel, Rebel, Katze fliegt

„Du bist gemein und brutal“, piept der Vogel wütend und hackt dabei in Staccato auf die linke Tatze der Katze ein. „Und du bist klein und dämlich“, schnurrt das Felltier zurück. „Mach ruhig so weiter, dann spare ich mir die Pfotenleckerei.“ Der Vogel stockt, platziert seinen Schnabel noch einige Male entschieden auf dem kleinen Zeh der Katze und plustert sich angesichts des tiefenentspannten Gegners mit aller Vehemenz auf. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wie das ist, vom Piepencenter abhängig zu sein? Du machst dich nackig, du lässt alle Federn und präsentierst dich in deiner ganzen unangezogenen Pracht. Das Piepencenter sieht alles. Hört alles. Weiß alles. Das ist unwürdig.“ „Vogel, jetzt reg dich ab! Ohne das Piepencenter wärst du ohne jeden Wurm. Nicht mal ein bisschen Geschmeiß könntest du dein Eigen nennen. Also, halt den Schnabel und sei gefälligst dankbar.“ Der Vogel flattert erbost ein paar Zentimeter in die Höhe. „Katze!“, brüllt er. „Du weißt doch gar nicht, wie das ist, mit einigen wenigen läppischen Würmern über die Runden zu kommen. Zu Hause hockt die Brut, Schnabel auf, zwitscher, zwitscher, los, mehr, rein da, Hunger! Und du machst und tust und reißt dir die dünnen Krallen aus und trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Die Kleinen kacken dir die Bude voll, überall Federn, Federn, ein Chaos ist das. Du räumst die Zweige von links nach rechts und zwei Minuten später liegt der verdammte Haufen wieder verstreut auf dem Boden rum.“ „Für deine erzieherischen Verfehlungen kann ich nichts, Vogel. Antiautoritärer Laissez-faire-Scheiß war noch nie so meins“, entgegnet die Katze trocken und leckt sich dabei den Bauch. „Darum geht’s doch gar nicht“, kreischt der Vogel. „Ich hab die Faxen dicke! Dass ich mich allein um die kleinen Scheißer kümmere, ist mir total egal. Ich schaffe das schon, hab ich immer geschafft. Aber du, Katze, quatschst den ganzen Tag von Solidargemeinschaft. Du erfindest das Piepencenter, angeblich um dem abgestürzten Federvieh unter die lahmen Flügel zu greifen, dabei schikaniert das Piepencenter, wo es nur kann. Es kratzt an der Vogelwürde, es macht dich flugunfähig, Katze!“ Für einen kurzen Moment hält die Katze inne, denkt nach, um sogleich mit der eigenen Bauchpinselei fortzufahren. „Fliegen, was ist das?“, fragt sie nur. Der Vogel ist kurz vorm Kollabieren. Erneut beginnt er auf die Katze einzuhacken, diesmal auf die rechte Tatze, und piepst lautstark: „Alerta, Alerta, Anticapitalista!“ Doch die Katze schubst den Vogel nur mit einem sanften und doch unmissverständlichen Tritt zur Seite. „War’s das jetzt? Die Audienz ist gleich vorbei“, sagt sie, um gleich darauf ein dickes Fellknäuel hochzuwürgen, während der Vogel ihr entsetzt dabei zuschaut. „Du nimmst mich gar nicht ernst, Katze!“, jammert der Vogel. „Doch, doch, ich bin sehr interessiert und immer offen für eine konstruktive Diskussion mit dem Fußvolk… äh… Federvolk, meine ich“, entgegnet die Katze. Mit einem kräftigen Tatzenhieb schießt sie ihr nasses Fellknäuel zur Seite. Der Vogel schaut ungläubig hinterher. „Solidargemeinschaft, ja? Das Piepencenter soll unterstützen, richtig? Fördern und fordern, stimmt’s? Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen, korrekt? Langfristig zurück in die Arbeitswelt führen, hab ich das richtig verstanden?“ „Genauso ist es“, freut sich die Katze. „Siehst du, jetzt hast du’s! Du bist ein guter Vogel!“ Doch nun hat der Vogel den Schnabel gestrichen voll. Er fliegt der Katze auf den pelzigen Kopf und zischt ihr gefährlich ins Ohr. „Schikane“, zwitschert er bedrohlich. „Das Piepencenter interessiert sich nicht groß dafür, was aus einem kleinen Vogel wie mir wird. Es will die angeblich schrägen Vögel aus der Statistik haben, an die alle Felltiere glauben, als wäre sie ihre neueste Religion. Es hält Würmer zurück und hofft darauf, dass es die dummen Piepmätze nicht bemerken. Es steckt Schwalben in die Flugschule und schickt Enten zur Schwimmfortbildung. Es droht mit Wurmentzug, wenn die Vögel nicht parieren. Es erinnert an die Pflicht und Schuldigkeit der gierigen Schmarotzervögel gegenüber den steuerzahlenden Pelzträgern, die ach so hart für die Solidargemeinschaft arbeiten. Hey, ich arbeite auch hart, Katze! Überhaupt Solidarität… Das Piepencenter ist ganz sicher nicht gemacht, um solidarisch zu sein, zu unterstützen und zu fördern…“ „Also, die Solidarität unter den Katzen, Mardern und Frettchen funktioniert ganz hervorragend“, versucht es die Katze noch einmal, wird aber vom Vogel jäh unterbrochen: „Katzen, Marder und Frettchen schieben sich ja auch die fettesten Beutebrocken zu. Katzenkumpanei und Pelztierfilz! Ein korruptes Spielchen spielt ihr da!“ Ein letztes Mal steckt der Vogel seinen winzigen Kopf in das Ohr der Katze, um seinen Worten den Ausdruck zu verleihen, den sie verdienen. „Das Piepencenter ist der Fehler eines kranken Systems. Ich will, dass meine Nestarbeit nicht als faule Stubenhockerei diffamiert wird. Ich will Wertschätzung und Anerkennung für meine bisher unbezahlten Aufzuchtleistungen. Ich fordere den Wurmausgleich. Ich will endlich wieder fliegen können!“ Mit einer blitzschnellen Bewegung schüttelt sich die Katze den rebellischen Vogel vom Kopf, setzt beide Tatzen auf ihren am Boden liegenden Kontrahenten und lässt ihrem Spieltrieb freien Lauf. „Das verstößt gegen die Vogelrechtskonvention…“, japst der Vogel im Würgegriff. „Ich weiß“, schnurrt die Katze. „Und was willst du jetzt dagegen tun?“

Nur kurze Zeit später ist ein riesiger Vogelschwarm – von der winzigen Piepse bis zum fliegenden Kawentsmann hat sich hier alles versammelt, was sich flatternd und segelnd in der Luft halten kann – am Himmel zu sehen. In seiner Mitte einige unerschrockene Greifvögel mit einer zerzausten Katze in ihren Krallen.

Advertisements