wer nicht kämpft, hat schon verloren!

[Anmerkung: Dieser Text entstand 2009 im Rahmen der Literarischen Friedhofslesung der Lesebühne ORAL B. Durch Zufall bin ich heute, nach neun Jahren, darauf gestoßen. Höchste Zeit, ihm noch einmal Aufmerksamkeit zu schenken, schließlich habe ich ihn nur ein einziges Mal öffentlich gelesen. Vielleicht ist es pure Nostalgie, aber Erinnerungen ruckeln das eigene Bild von dem, was wichtig oder unwichtig ist, heftig durcheinander. Meistens mit Erfolg.]

der versuch, ein leben von 99 jahren in einen 4-seitigen text zu stecken, ist absurd. das ist auch nicht meine absicht. es wäre aber ebenso komisch für mich, auf einem friedhof zu lesen, ohne mit einem wort meine oma elise zu erwähnen.

meine oma ist am 15. märz diesen jahres gestorben. nur kurze zeit vor ihrem tod hat sie ihren plan, im juli 100 jahre alt zu werden, doch noch verworfen. ihr körper wollte nicht mehr. sie entschied sich bewusst, nicht mehr leben zu wollen. und wenn meine oma sich einmal für etwas entschieden hatte, dann wurde das auch durchgezogen. obwohl sie in den letzten tagen ihres lebens weder sprechen noch sich bewegen konnte, schaffte sie es, durch winzige hand- oder kopfbewegungen ihren willen kundzutun. selbst wenn es der winzige schluck kaffee war, nach dem sie verlangte – meine oma bekam ihren kaffee. das nenne ich resolut im positivsten sinne.

vor etwa einem jahr fragte sie mich, ob ich nicht ein buch über sie schreiben könne. sie würde in ihrer erinnerung kramen, alles, was ihr einfällt, aufschreiben, und ich solle das dann zu ihrer lebensgeschichte verarbeiten. eine großartige idee. wir sind leider nicht mehr dazu gekommen.

erzählt hat meine oma schon immer gerne und viel aus ihrem leben. als mein bruder, meine cousinen und ich noch klein waren, war ihr elternhaus am spritzenhaus in herzberg, in dem sie nahezu ihr ganzes leben verbrachte, der zentrale anlaufpunkt für alle aus unserer familie. hier wurde gefeiert, karten gespielt, lecker gekocht, torte und eis und schokolade in sich hineingestopft, nächte durchdiskutiert, gestritten und gelacht. hier verbrachten wir enkel einen teil unserer ferien oder wochenenden, unter anderem mit heimlich in den hofgulli pullern oder durch den briefschlitz in der haustür hindurch leute auf der straße ärgern. und hier wurde eben auch viel erzählt. bruchstückhaft sind mir noch diverse geschichten in erinnerung geblieben …

… meine oma bekam vier söhne, einer davon ist mein vater. zwei ihrer söhne – meinen vater dieter und meinen onkel günter – nannte sie gerne „schweinetreiber“. ich nehme an zu recht. die beiden hatten offenbar eine menge flausen im kopf. das wort „schweinetreiber“ fiel bevorzugt bei folgender geschichte: mein onkel günter soll als junge mit einem haufen anderer bengel durch die straßen gezogen sein – selbstverständlich mit großem getöse, tamtam und trara. als anführer der schreihälse hielt er an einem langen stock ein aufgespießtes, logischerweise totes huhn in die luft. keine ahnung, welches ritual die bande feierte. meiner oma jedenfalls war es nach eigenen aussagen ungeheuer peinlich, als sie nachbarn – in einer kleinstadt wie herzberg funktionierte die soziale kontrolle außerordentlich gut – auf ihren durchgedrehten dreikäsehoch aufmerksam machten. woher das huhn stammte, will bis heute keiner mehr gewusst haben.

ein ähnlich lustiges spiel trieb mein onkel günter mit seinem jüngsten bruder peter. dieser sollte im kinderwagen ausgefahren werden. günter stellte sich stets bereitwillig zur verfügung, was meiner oma zwar ein wenig spanisch vorkam, ihr aber sehr recht war, weil sie genug im haushalt zu tun hatte. wieder waren es die nachbarn, die ihr nach einiger zeit berichteten, dass sie sich doch etwas sorgten, wenn der junge den kinderwagen den steilen berg herunterschubst, um sich dann gekonnt auf den wagen – und somit auf sein brüderchen – zu werfen und mit viel karacho die rennstrecke hinunterzurasen.

ich erinnere mich an die erzählung von dem kleinen waldbrand, den mein vater im cowboyspiel auslöste. kann ja mal passieren. als einer, der, wenn er groß wäre, ein echter cowboy werden und in den wilden westen nach amerika auswandern wollte, lief er natürlich nicht vor dem feuer davon. ein cowboy löscht eigenhändig. was leider misslang. wenn es sein muss, lassen sich cowboys jedoch ausnahmsweise von der feuerwehr unterstützen – wildwestehre hin oder her.

ähnlich amüsant fand ich die geschichte von dem jungen, der von meinem vater als gefangener indianer an einen baum gebunden und alleine im wald zurückgelassen wurde. „alles maßlos übertrieben“, sagt mein vater heute. der kerl hätte sich ganz leicht selbst befreien können und heulte seinen überbesorgten eltern unberechtigterweise etwas vor.

nicht selten gab meine oma die jauchegrubenstory zum besten, in die mein onkel siegfried als kleiner steppke gefallen ist. nur durch zufall wurde er vom nebenan wohnenden friseur entdeckt und am haarschopf – das einzige, was vom meinem onkel noch aus der jauche herausguckte – wieder herausgezogen.

in einem winter anfang der 50er-jahre rettete mein vater in einer waghalsigen aktion zwei jungen das leben. die beiden waren im eis des juessees eingebrochen, mein vater robbte sich bäuchlings an den rand des loches und schaffte es, die beiden herauszuziehen. zum dank gab es eine schöne tafel schokolade.

und dann gab es noch die geschichte von meinem onkel günter, der sich mit etwa 3 oder 4 jahren überlegte, es wäre ja mal ganz reizvoll, eine kleine spritztour zu unternehmen. meine oma hatte ihren sohn gerade noch im blick, drehte sich nur kurz um – und weg war er. später stellte sich heraus, dass sich günter hinten an einen leichenwagen – damals noch eine kutsche – geklammert hatte, um eine runde mitzufahren und die welt zu erkunden. beim friedhof wurde der sarg abgeladen, aber günter hielt sich gut versteckt und legte noch eine weitere strecke als blinder passagier zurück. erst im hof des leichenbestatters wurde er entdeckt. „Wo kommst du denn her?“, fragte der leichenbestatter. „weiß ich nicht“, sagte mein onkel, „aber ich heiße günter merx und wohne in der adolfsstraße.“ der leichenbestatter hatte mitleid und brachte ihn zurück zu meiner völlig aufgelösten oma.

von diesen geschichten gibt es mit sicherheit noch einige mehr, leider habe ich nicht alle in erinnerung. fest steht allerdings, dass meine oma ein zäher brocken gewesen sein muss – bei vier söhnen und deren potenzial. übrigens haben die vier brüder auch im erwachsenenalter ihr potenzial voll ausgelebt und vergnügten sich mit spaßigen wetten wie: „wenn du es schaffst, die straßenlaterne hochzuklettern, bekommst du 50 mark!“ mein vater nahm die wette an und gewann. um seinem bruder peter die wettschulden zu ersparen, bot er ihm eine ausgleichswette an: „wenn du dich an der brücke von der einen seite zur anderen über den bach hangelst, erlasse ich dir deine wettschulden!“ die bedingungen waren klar: eine betonbrücke, oben fuhren autos, unten floss der bach. peter legte einige meter – vielleicht waren es auch nur zentimeter, die erzählungen gehen hier auseinander – kletternd an der brückenunterseite zurück, musste aber schließlich aufgeben und landete im kalten wasser. die 50 mark durfte er, soweit ich weiß, trotzdem behalten …

meine oma hatte ein lebensmotto. und das wohl nicht ohne grund: wer nicht kämpft, hat schon verloren! ich finde, sie hatte recht damit. kämpfen musste meine oma auch zur zeit des 2. weltkrieges. ihr mann, also mein opa, war im krieg, sie hatte zu dieser zeit drei söhne zu versorgen und trotz der hilfe, die sie durch ihre eltern – die im gleichen haus lebten – erfuhr, muss das leben zu kriegszeiten hart gewesen sein. als die allierten einmarschierten, klopften sie auch an die tür des hauses meiner oma und verlangten unterkunft und verpflegung. wehren konnte sie sich nicht gegen die vier amerikanischen und den einen polnischen soldaten. es gab situationen, die mich sehr berührten, wenn meine oma davon erzählte: mein vater habe mit seinen 3½  jahren oft auf dem unteren treppenabsatz gesessen und die soldaten mit dem einzigen englischen satz, den er gelernt hatte, um den finger gewickelt: „have you chocolate?“ tatsächlich wurde dem kleinen, süßen jungen eine menge schokolade zugesteckt, während mein 10 jahre alter onkel siegfried sich vor dem einen oder anderen soldaten in acht nehmen musste, weil sie ihn verdächtigten, „einer von der hitlerjugend“ zu sein. „hj?“, fragte einer der soldaten provokant und fuchtelte mit der pistole vor ihm herum. mein onkel ist nie beim deutschen jungvolk und schon gar nicht bei der hitlerjugend gewesen. wenn die soldaten saubere wäsche brauchten, dann öffneten sie die fenster zum hof und schmissen ihre dreckigen klamotten hinunter. meine oma hatte sich darum zu kümmern. somit wusch sie nicht mehr für sechs sondern von nun an für elf personen einen riesigen berg wäsche. wohlgemerkt, mit der hand. und sie kochte. und putzte. und musste zusehen, woher sie genug lebensmittel bekam. und kümmerte sich um ihre söhne. und machte einfach immer weiter, um zu überleben. … als der krieg vorbei war, kehrte mein opa eines tages nach hause zurück. es klingelte, mein vater öffnete und rief seiner mutter zu: „mama, komm mal, da steht ein fremder mann vor der tür!“

wer nicht kämpft, hat schon verloren! und verlieren wollte sie nicht. meine oma hatte einen bewundernswerten starken willen, mit dem sie sicherlich so manchen zur weißglut bringen konnte. meinen opa zum beispiel. denn wenn meiner oma etwas quer ging, dann konnte sie locker mehrere tage schweigen – zur strafe. kein einziges wort kam in solchen situationen über ihre lippen. nichts. ich schätze, mein opa hatte mit dieser art der bestrafung sein tun. wer von den beiden diesen machtkampf normalerweise gewann, weiß ich nicht. ich tippe auf meine oma.

gelacht hat meine oma viel und gern. vor allem, wenn sie aus ihrem leben erzählte. selbst den damals peinlichen oder erschreckenden szenen des lebens konnte sie später in ihren erinnerungen etwas lustiges abgewinnen. humor war, davon bin ich überzeugt, einer ihrer weisen tricks, warum sie – ich behaupte mal – zufrieden alt geworden ist. humor und willensstärke und der halt, den sie in ihrer familie – trotz aller schwierigkeiten und eskapaden – gefunden hat, ließen sie immer weiter kämpfen.

zufrieden alt werden. eine komplizierte lebenskunst.

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