Mit Kafka auf der Meilenbank

„Neulich…“ „Hör ma‘, warum beginnst du deine Geschichten eigentlich immer mit ‚Neulich…‘ und betonst dabei so komisch das ‚Neu…‘ im Wort? Das geht mir auf den Keks, mein Freund!“, unterbricht Burki barsch seinen Kumpel Brian. Beide sitzen seit dem frühen Morgen auf einer Parkbank, die eigentlich gar keine Parkbank ist, sondern Meilenbank heißen müsste, denn sie steht mitten auf der Flaniermeile ihres Lieblingsstadtteils. Beide gönnen sich schon zu früher Stunde ein Fläschchen Bier. Ist ja schließlich Montag und Montag ist Schontag, so sagt Burki jedenfalls immer. „Ach, jetzt bin ich wieder schuld, oder was?“ „Ja, Schuld! Schuld sind immer die anderen, oder was? So bist du doch gestrickt, mein Freund.“ Burki lacht, während er Brian kräftig auf die Schulter haut. Zur Versöhnung sozusagen. „Und, Brian, jetzt verrat mir doch mal, warum du dir schon am Morgen einen Halben genehmigst. Nehmen wir doch mal kein Blatt vor den Mund. Warum trinkst du?“ Im Grunde genommen hätte sich Burki diese Frage sparen können, denn die beiden Männer kennen die Antwort bereits. Gelangweilt entgegnet Brian: „Die Gesellschaft ist schuld.“ Und Burki nickt mit einem wissenden Ausdruck im Gesicht. „Aha! Da haben wir‘s. Schuld sind immer die anderen. Du bist nur das Opfer einer gemeinen gesamtgesellschaftlichen Intrige, die dir das Leben schwer machen will. «Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos.» Kafka. In der Strafkolonie. Irgendeine brutale Story. Das war kein Zuckerschlecken damals.“ Brian starrt bedröppelt auf sein Bier, als die Hohe Priesterin vorbeischlendert und sich lautstark mit den Stimmen, die nur sie hören kann, streitet. „Was ist mit der eigentlich nich‘ richtig?“, will Brian wissen und beobachtet fasziniert die sich in Rage redende Frau mit den bunten Flipflops. „Die spirituellen Punks sind schuld. Die lassen ihr keine Ruhe.“ „Schöner Scheiß.“ „Jepp.“

Eine ganze Weile sitzen sie nur so da und schauen dem Treiben auf der Straße zu. Die Menschen an der Haltestelle warten auf die Bahn, die sie zu ihrer täglichen Verpflichtung bringt. Ein sich endlos wiederholendes Ritual, das Burki und Brian gerne mit dem Spruch „Und ewig grüßt das Murmeltier“ quittieren und sich dabei köstlich amüsieren. „Wem geht’s hier eigentlich schlechter?“, lachen sie dann und prosten sich zu. Dass ihr Lachen an manchen Tagen bitterer klingt als sonst, würden sie nie zugeben.

„Hör ma‘…“, nimmt Burki den Faden ihres Gesprächs wieder auf, „glaubst du wirklich diesen ganzen Mist mit der Schuld?“ „Wie jetzt?“, fragt Brian. „Na, dass du trinkst, weil die Gesellschaft schuld ist?“ „Naja, meine Frau is‘ auch schuld …“ „Ich bitte dich, Brian!“ „Ja, wer hat mich denn rausgeworfen aus der gemeinsamen Wohnung, bitteschön! Elke!“ Burki schnippt einen Fussel von seiner Hose. „Ma‘ ehrlich, sie hat dich rausgeworfen, weil du getrunken hast …“ „Und daran is‘ die Gesellschaft schuld. Und meine Frau.“ Leicht ist es nicht, mit Brian zu diskutieren, aber Burki gibt nicht auf. „Aber hör ma‘…“ „Ich möchte jetzt nicht.“ „Pass auf, mein Freund, die Sache ist doch die: «Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.» Kafka. Keine Ahnung, wann er das gesagt hat.“ Ein genervtes Stöhnen ist neben Burki zu vernehmen. „Aber ich weiß, warum er das gesagt hat!“, lässt Burki seinen Kumpel wissen, obwohl ihm der längst den Rücken zugedreht hat. „Kafka meint, du sollst mal deinen Hintern in Bewegung setzen. Du bist ein Macher, mein Freund. Du bist Entscheidungsträger. Du trägst Verantwortung für deinen eigenen Allerwertesten. So sieht das nämlich aus.“ „Aha. Und warum sitzt DU dann hier mit mir rum?“, überrascht Brian seinen Freund mit einer Gegenfrage. Nach kurzem Zögern antwortet der: „«Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich.» Kafka. Ein schlauer Mann!“ Womit mal wieder der Schuldige gefunden wäre.

Veröffentlicht im Asphalt-Magazin Mai/2016

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